30.8.11

Post-Wurst-Sendung

Wenn ich Sonntags die Benachrichtigung über ein Einschreiben aus letzter Woche finde, stresst mich das... Ein Bussgeldbescheid? Die Kündigung? Anwaltliche Einforderung von Alimenten? Man macht sich ja Gedanken.

Nutzt nix, Montags ruft der Job, 120km vom heimatlichen Standort der Edeka Postfiliale entfernt. Sieben Tage liegt so ein Einschreiben, also bis Dienstag. Es lässt mir keine Ruhe, ich plane abendliche Homeofficetätigkeit ein und fahre am frühen Nachmittag heim.

18.00 Uhr, Postamt, es ist schon so viel schief gelaufen in diesem Headquarter des Versagens. Vor vier Jahren war ich das letzte mal zwangsweise dort, seitdem weiss ich, dass es reicht Buchstaben anhand ihrer Form vergleichen zu können um Postbedienstete zu werden. Seitdem habe ich Blutdruck und nun beschreite ich den Laden um mir ggf. unangenehme Schriftstücke abzuholen.

18:02 Uhr, die Schlange ist nicht lang, ein neues Gesicht am Schalter lässt hoffen.

18:04 Uhr, genervt schiebt mir die junge Aushilfsbeamtin im Edekakittel meinen Abholschein zurück... Ein Blick in die Schublade und sie ätzt: "Nein, das ist zu alt. Die Sendung wurde an den Absender zurück geschickt".

18:07 Uhr, ein flaues Gefühl im Magen. Verpasste Einspruchsfristen, Gerichtsvollzieher, Punkte in Flensburg, die Klage auf Unterhalt für sieben Kinder von denen ich noch nichts wusste lässt sich nicht abwenden, der Führerschein ist futsch, ich bin arbeitslos. Die Nacht wird schlaflos.

18:10 Uhr, ich wähle die Nummer der Post-Hotline. Eine freundliche Dame sagt mir, meine Sendung sei definitiv bis Übermorgen in der Postfiliale.

18:12 Uhr, ich stehe in einer endlosen Schlange, die Bedienung am Postschalter (Kernkompetenz Wurst- oder Käsetheke) hat mich erspäht und wirft mir einen mitleidigen Blick zu, Entschlossenheit blitzt in Ihren Augen. In meinen auch...

18:23 Uhr, ich bin dran. Freundlich bitte ich die Bedienung nochmal nachzusehen, erkläre Ihr die Aussage der Hotline. Sie bleibt hartnäckig, nein, kein Brief für Tim, da braucht Sie auch nicht nochmal nachsehen.

18:25 Uhr, ich bestehe auf eine schriftliche Bestätigung, dass ich meine Sendung abholen wollte, fristgerecht! Man muss ja vor Gericht was in der Hand haben. Sie weigert sich. Ich bin aber doch entschlossen... Die Schlange hinter mir wird länger. Der Gesichtsausdruck von "Ihr" wird langsam verzweifelt. Ich verlange nach dem Vorgesetzten.

18:31 Uhr, die Schlange wächst, Sie versteht mein Problem nicht. Die Menge hinter mir wird ungeduldig, ich muss an schreckliche Bilder einer Massenpanik denken. Es gibt keinen Vorgesetzten sagt Sie immer wieder, ich glaube Ihr nicht. Sie kann nicht die Scheffin sein. Ist Sie auch nicht, ich weigere mich (unglaublicherweise immer noch relativ freundlich) zu gehen. Ich brauche doch einen gerichtsfesten Nachweis meiner Abholabsicht.

18:35 Uhr, die Schlange hinter mir wächst weiter, ich stehe vorn und telefoniere erneut mit der Hotline. Meinen Platz gebe ich nicht auf! Ein Formblatt zur Nachverfolgung von verlorenen Einschreiben gibt es, so sagt man mir. Ich gebe diese Information weiter . Nein, es gäbe kein Formular, "Doch" sage ich, "Nein" sagt Sie. Ich bestehe darauf mit dem Scheff des Ladens zu sprechen, Sie ruft Ihn an. Sie weint nun.

18:41 Uhr, der Scheff, welche eine Scheffin ist (Frau P., Edeka Lensahn) gibt sich kaum Mühe mein Anliegen anzuhören. Sie erklärt die Polizei zu rufen, wenn ich nicht aufhöre die Bedienung zu belästigen. Ich bin dann mal sprachlos. Ich lege auf. Mit letzter Kraft forme ich halbwegs freundliche Worte und verlange das Formular. Jetzt bin ich stur. Sie weint, das tut mir leid. Ehrlich. Nach einigem Gekrame bekomme ich ein Formular. Ich mache Platz in der Reihe, unter tödlichen Blicken der Schlange gehe ich zum Tisch um mein Formular auszufüllen.

18:48 Uhr, ok, was soll ich ins Formblatt eintragen? Die Bezeichnung lautet: "Nachverfolgung von Zahlungen und Überweisungen". Ich habe nicht richtig hingeschaut, mein Platz in der Reihe ist futsch. War das Absicht? Ich werfe der Wurstverkäuferin das nutzlose Blatt hin und gehe raus. Ich bin nicht mehr entspannt. Rauchen... Hotline anrufen... Klagen... Nicht aufregen...

18:50 Uhr, ich habe eine offizielle Vorgangsnummer. Nur nichts schriftlich. Man wird sich bei mir melden. Die Minute Hotline kostet vom Handy 42 Cent. Ich könnte jetzt gehen, entscheide mich aber für Rache. Das falsche Formular, die Polizeidrohung (ich bin doch Kunde?) es hat mich geärgert. Stehe wieder in der Schlange.

18:57 Uhr, freundlich bitte ich die Bedienung mir doch das passende Formular auszuhändigen. Sie ist jetzt nicht mehr entspannt, nicht mehr entschlossen. Sie ruft einen kräftigen Fleischer zu Hilfe. Ich will das Formular und erkläre Beiden die Sache mit den Alimenten und den Punkten und dem Führerschein. Nun ruft Sie bei der Hotline an, um sich erklären zu lassen, wo das richtige Formular liegt. Man kann Ihr nicht helfen.

19:05, der echte Postbeamte kommt und holt Briefe ab. Ich erkläre Ihm den Vorfall. Er meint, im Postlager läge ein Einschreiben. Ich fahre mit Ihm später dort hin, ich habe Hoffnung. Die Schlange ist erleichtert. Frau Käse weint immer noch. Ich bestelle einen Kaffee. Gut am Edeka Postamt... Es gibt auch einen Bäcker.

19:15, es ist nicht mein Einschreiben. Ich fahre zurück zu "Ihr". Die Sache mit der Polizei hat mich ein wenig aufgebracht. Ich will jetzt mein Formular. Edeka hat bis 22 Uhr auf. Es gibt ja einen Bäcker, ich mache mich bereit auf einen langen Abend am Postschalter. Packe Taschentücher ein, Sie heult bestimmt wieder. Nein, kein Mitleid!!!

19:20, ich weiss nun, wie Billy the Kid sich beim Duell gefühlt hat. Die Taschentücher und meinen Abholschein in der Hand betrete ich die Edeka-Wurst-Post. Ich sehe Sie, Sie lächelt. Hat meine Sendung gefunden. Hinter der Schublade. Ich Quittiere den Empfang, unfähig etwas zu sagen. Die Quittung stecke ich zusammen mit dem Abholschein ein... Uff.

Und weiter? Nun, keine unangenehme Post vom Amt, kein Bussgeldbescheid, nur die Bremshebel von PM Tuning aus England. Schön sind sie... Ich freue mich, kaufe Milka Schokoherzen und bringe sie der Wurst-Post-Bedienung. Diese weint und ich gehe schnell. Weinende Frauen berühren doch mein Herz.